Bürgerliche Privatgärten in deutschen Landen um 1800
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Rezensionen

 

Düsseldorfer Jahrbuch, Band 78/2008  
von Hanns Michael Crass


Düsseldorf wendet sich nach der Schaffung der „Stiftung Schloss und Park Benrath“ und der Einrichtung einer Juniorprofessur für Gartenkunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität verstärkt dem Thema der Gartenkunst und -architektur zu. Die Benrather Schriften/Bibliothek zur Schlossarchitektur des 18. Jahrhunderts und zur Europäischen Gartenkunst legen davon ein eindrucksvolles Zeugnis ab. In deren dritten Band stellt die Verf. Bürgerliche Privatgärten in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs um 1800 vor. Der Band entstand aus einer Dissertation bei Prof. Udo Mainzer an der Universität zu Köln 2005.
Verf. betritt insofern Neuland als sich das Hauptaugenmerk der Forschung bislang auf die repräsentativen Anlagen der adeligen Auftraggeber richtete. Die kleineren Gärten des Bürgertums, die zur privaten Nutzung angelegt wurden, blieben mehr oder weniger unbeachtet, da sie als Privatbesitz nicht zugänglich und verschlossen waren.
Der Bürgergarten und seine Entstehung müssen vor dem Hinterrund des großen gesellschaftlichen Umbruchs, den die Aufklärung in Europa zu Ende des 18. Jahrhunderts auslöste, betrachtet werden. Dazu wird die Position des Bürgertums in Aufklärung, Romantik und Biedermeier im allgemeinen untersucht. Im einzelnen werden dann Gartenbesitzer porträtiert: Caspar Voght (Flottbek/Hamburg), Georg Heinrich Sieveking (Hamburg), Johann Friedrich Reichardt (Giebichenstein), Friedrich Heinrich Jacobi und sein Pempelforter Zirkel in Düsseldorf, Christian Abraham Heineken (Oberneuland/Bremen) und Johann Smidt (Werderland/Bremen). Ihre Motivation und ihr Schaffen zur Anlage der Gärten wird unter dem Gesichtspunkt des „individuellen Dilettantismus“ verfolgt.
Hierbei spielen das Äußere, aber auch das Innere eine gewichtige Rolle. Das Äußere setzt sich aus unterschiedlichen Elementen (man möchte sie fast als Versatzstücke bezeichnen) zusammen: Baumgruppen oder Einzelbäume, Grünflächen (Bowlinggreens und Pleasuregrounds), Erhebungen oder Absenkungen des Geländes, Blickachsen und Öffnung zur Landschaft. Im Gegensatz dazu Abschottung nach außen und Grenzgestaltung und nicht zu vergessen das Verhältnis zu Wasser. Der Bürgergarten ist aber nicht ausschließlich ein Ort der Repräsentation, auch das ländliche Element eines Nutzgartens erhält mit bunten Blumen, Obstbäumen, Gemüse und sogar Tierhaltung Einzug und Raum.
Das Innere wird durch die Bestimmung und Nutzung definiert: Convivium, als Ort der Geselligkeit; Repraesentatio, als Ort der gesellschaftlichen Verpflichtung; Refugium, als Ort des Rückzugs; Otium als Musensitz und Negotium, der Garten als ökonomische Einrichtung. Dem Garten von Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort ist im Abschnitt „Otium“ der ihm gebührende Platz eingeräumt. Seine Atmosphäre löste bei den zahlreichen und bedeutenden Gästen nicht nur Wohlbefinden aus, sondern schuf auch Inspiration zur geistigen Beschäftigung. Auch das Anwesen von Johann Friedrich Reichardt in Giebichenstein war von gleicher intellektueller Gastlichkeit geprägt. Johann Wolfgang von Goethe wird anlässlich seiner Aufenthalte in beiden Gärten mit lobenden Beurteilungen zitiert. Ihnen schließen sich zahlreiche Urteile seiner Zeitgenossen an.
Nachdem Verf. die sechs Beispiele für bürgerliche Gartenkultur einzeln behandelt hat, teilt sie die Gärten, die auf den ersten oberflächlichen Blick alle als englische Landschaftsgärten gelten könnten, unter Berücksichtigung der Biographie und der Einstellung der Bauherren und ihrer Besucher in drei Sparten ein. In die erste Abteilung fallen Gärten mit herrschaftlicher Ausprägung (Sieveking und Voght), die finanzstarke Auftraggeber durch professionelle Gartenarchitekten anlegen ließen, wobei das gesamte Anwesen in einem Zuge gestaltet wurde. Die zweite Abteilung umfasst Gärten, die bereits den Zeitgeist der Romantik zum Ausdruck bringen (Jacobi und Reichardt). Sie sind in ausschließlich dilettantischer Gestaltungsmethode durch ihre Besitzer ohne die Hilfe von Spezialisten angelegt worden, wobei jedoch ihr hoher Bildungsgrad im ästhetischen, philosophischen und literarischen Bereich ihr Handeln beeinflusste. Die dritte Abteilung schließlich behandelt die beiden Gärten, die das Beispiel eines völlig privaten Familiensitzes darstellen (Heineken und Smidt). Der Laienverstand der ungelernten Eigentümer, die sich keiner intensiven Beschäftigung mit gartenarchitektonischen oder ästhetischen Theorien unterzogen hatten, schuf sich zur familiären Nutzung seinen privaten Garten. Da diese Gärten nicht durch einheitlichen Gestaltungswillen entstanden, konnten sie nach und nach auch über mehrere Generationen hinweg entstehen.
Die Entwicklung dieser verschiedenen Ausformungen der Gartenkultur des Bürgertums in die wissenschaftlich-ästhetischen Strömungen der bewegten Zeit um 1800 gestellt zu haben, ist das große Verdienst dieser lesenswerten und anregenden Abhandlung.
Ein Anhang mit Quellenauszügen und -verzeichnis, Literaturverzeichnis, Orts- und Namensregister beschließt den hervorragend ausgestatteten und gedruckten großformatigen Band.

 




Die Gartenkunst, Heft 1/2008  
von Stefanie Hennecke


Diese neue Studie zu bürgerlichen Privatgärten in deutschen Landen um 1800 bearbeitet ein nur vordergründig abgegrastes wissenschaftliches Feld: Die Rezeption des englischen Landschaftsgartenstils in deutschen Landen. Am Beispiel von sechs bürgerlichen Gartenanlagen mit einer Entstehungszeit rund um 1800 wird der Einfluss aus England auf das im besten Sinne „dilettantische“ Gartenschaffen detailliert und mit überraschender Frische untersucht. Die Kunsthistorikerin Gundula Lang ist dabei sowohl an gestalterischen Details der Gartenanlagen als auch am gesellschaftspolitischen Kontext ihrer Entstehungszeit interessiert und stellt beides in einen Zusammenhang. Ihr Ausgangspunkt sind die individuellen Biographien, Interessen und Fähigkeiten der einzelnen Bürgerpersönlichkeiten, deren Gartenanlagen sie untersucht. Mit Caspar Voght und Georg Heinrich Sieveking aus Hamburg, Vertretern des kaufmännischen Großbürgertums, dem Musiker Johann Friedrich Reichardt und dem literarisch begeisterten Friedrich Heinrich Jacobi, Vertretern der intellektuellen Intelligenz, sowie Christian Abraham Heineken und Johann Smidt, Vertretern des höheren städtischen Beamtentums, deckt diese Arbeit ein breites Spektrum der damaligen bürgerlichen Gesellschaftsschicht ab und zeigt mit jedem Detail aufs Neue, dass man keineswegs von „dem Bürgertum“ sprechen kann. Zu unterschiedlich sind politische und soziale Einstellungen, intellektuelle und gestalterische Vorlieben. Ebenso ist es nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr möglich, von „dem bürgerlichen Garten“ zu sprechen, wie ihn Christian Cay Lorenz Hirschfeld in seiner „Theorie der Gartenkunst“ als Kategorie einführen zu können glaubte. Zu unterschiedlich sind auch hier, schaut man so genau hin, wie Gundula Lang es tut, die gestalterischen Intentionen und die tatsächliche Nutzung, die die verschiedenen Motive, aus denen heraus sich die einzelnen Personen dazu entschlossen, Gärten anzulegen, spiegeln. In zwei Schritten, die stellenweise vielleicht etwas zu schematisch durchgearbeitet werden, nähert sich die Studie den einzelnen Anlagen: Der Blick auf „das Äußere“ untersucht die Anwendung und Ausführung typischer Gestaltungselemente des englischen Landschaftsgartens in den einzelnen Anlagen, wie etwa die Geländemodellierung, die Setzung von Bäumen oder die Öffnung für Blickbeziehung bzw. die Formulierung von Grenzen. Der Blick auf „das Innere“ erschließt über die sorgfältige Auswertung verschiedenartigster Quellen die Nutzung der einzelnen Anlagen. In der Zusammenschau individueller Biographien der Bauherren und der Entstehungsgeschichte, Gestaltung und Nutzung der Anlagen werden diese zu lebendigen Zeugnissen einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in Deutschland, in der sich die heterogene Schicht des Bürgertums zwischen Begeisterung für die politische und soziale Liberalisierung im Zuge der französischen Revolution und dem enttäuschten Rückzug ins Private nach deren Scheitern erst formierte. Voghts Flottbek bei Hamburg wird so zum einen als soziales und ästhetisches Gesamtkonzept nach dem Vorbild einer ornamented farm beschrieben, erweist sich gleichzeitig aber als Ort herrschaftlicher Repräsentation für die großbürgerliche gesellschaftliche Stellung seines Besitzers. Im Gegensatz dazu können in der Überlagerung von gestalterischen Details und literarischen Zeugnissen die Anlagen von Jacobi in Pempelfort bei Düsseldorf und von Reichardt in Giebichenstein bei Halle als Ausdruck einer in die Zukunft weisenden Einstellung ihrer Besitzer interpretiert werden, die sich in der Beliebtheit dieser Orte als Treffpunkt für die intellektuellen Eliten der damaligen Zeit spiegelt. Weniger das öffentliche Repräsentieren als der intellektuelle Austausch im Privaten, in der Geborgenheit der nach Außen abgeschirmten Gartenanlagen beeinflusst hier die Gestalt. Von einem noch größeren Interesse an der Zurückgezogenheit sind die Anlagen von Smidt und Heineken bei Bremen gekennzeichnet, die Gundula Lang als Orte des ausschließlich familiären Beisammenseins identifiziert und somit als „biedermeierliches Familienidyll“ tituliert. Dieses Buch überzeugt durch die Vielseitigkeit des verwendeten Quellenmaterials, das einen differenzierten Einblick in das Gartenschaffen und Gartenleben dieser Zeit gewährt, dabei Raum für eigene Schlussfolgerungen lässt und Lust auf ein vertiefendes Studium der angeführten Quellen macht: Inventarlisten privater Bibliotheksbestände, Briefe, Tagebucheinträge, literarische Werke der Bauherren und berühmter Zeitgenossen wie Goethe, Wieland oder Schiller sowie deren Einlassungen zur Gartenkunst, Stiche, Gartenpläne und Liegenschaftskarten, Bestell-Listen für Pflanzen und Rechnungen sind der Fundus aus dem Gundula Lang schöpft, um diese lebendigen Gartenporträts auszubreiten.
Das Buch gibt bei all seiner Detailgenauigkeit jedoch immer wieder fundierte Überblicke zum allgemeinen gartenkünstlerischen Hintergrund dieser Zeit, so dass der Leser und die Leserin an passender Stelle die notwendigen Kontextinformationen erhalten. So ist das Buch auch für gartenkünstlerische Laien verständlich und fungiert ganz nebenbei als Einführung in die Gartenkunstgeschichte des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus fallen der sehr angenehme Seitenspiegel und die qualitativ hochwertigen Reproduktionen von Stichen und Kartenmaterial der besprochenen Anlagen auf. Ein sehr empfehlenswertes Buch für all diejenigen, die an einer differenzierenden Diskussion dessen interessiert sind, was sich hinter dem Schlagwort „Landschaftsgarten“ verbirgt.

 




 

Jacobi-Garten war Treffpunkt der Philosophen   von Angela Everts, WZ 17.7.2007

Gärten des Großbürgertums: Das Buch von Gundula Lang ist Band 3 der Benrather Schriften. Je nach Herkunft und Temperament hat Lang drei Gartentypen ausgemacht.

Düsseldorf. Für Udo Mainzer, den obersten Denkmalpfleger des Landes, ist Düsseldorf ein Musterkatalog der Gartentypen. Vom barocken Schlosspark über den ältesten Volkspark Deutschlands, den Hofgarten bis zum Schulgarten der 1920er Jahre sei in der Landeshauptstadt alles vorhanden, was an öffentlichem und privatem Grün ausprobiert wurde. Sogar Anlagen, die relativ selten sind, nämlich bürgerliche Privatgärten der Aufklärungszeit und der frühen Romantik. Ein Musterbeispiel dafür ist der Malkastenpark.

Malkastenpark am Anfang einer Untersuchung bürgerlicher Gärten
Mit dieser Anlage hat sich die frisch gebackene Doktorin Gundula Lang besonders intensiv beschäftigt. Sie hat im Fach Kunstgeschichte an der Universität Köln darüber ihre Magisterarbeit geschrieben und in ihrer Doktorarbeit die Anlage mit zeitgenössischen Privatgärten verglichen. „Bürgerliche Privatgärten in deutschen Landen um 1800“ lautet der Titel der Arbeit, in der sie Intention und Gestaltung von sechs großbürgerlichen Anlagen vergleicht.
Inspiriert wurden sie alle von der „englischen Mode“ des landschaftlich gestalteten Gartens. Es gab selbst auf kleineren Arealen geschlängelte Wege, Teiche und ein bisschen Landwirtschaft. Die Hausherren hatten sich auf ihren Bildungsreisen diverse Gärten besucht und ihre Anlagen daheim auch meist selbst entworfen.
Je nach Herkunft und Temperament hat Gundula Lang drei Gartentypen ausgemacht: Erweiterter Salon und Treffpunkt der Intellektuellen: So gaben sich bei Friedrich-Heinrich Jacobi in Düsseldorf sich alle Geistesgrößen seiner Zeit die Klinke in die Hand. Goethe bezeichnete gar das Jacobi-Haus „als das gastfreieste aller Häuser“.
Ähnlich intellektuell geprägt waren die Häuser (und Gärten) von Caspar Voght in Hamburg-Flottbeck, sowie Johann Friedrich Reichert in Halle. Familiäres Landleben: Für den Bremer Pastor Johann Schmidt war sein großer Garten ausschließlich privater Rückzugsraum, ebenso für den Bremer Bürgermeister Christian Abraham Heinecken.
Ort der gesellschaftlichen Verpflichtung: Zwar galt auch der Sommersitz des Hamburger Kaufmanns Georg Heinrich Sieveking als gastfreundliches Haus, diente aber mehr der Repräsentation als zum Beispiel die Jacobi-Anlage.
Mit ihrer Untersuchung über die frühen Bürgergärten hat Lang Neuland betreten. „Dabei ist gerade die Umbruchzeit der französischen Revolution besonders spannend“, findet die Chefin der Stiftung Schloss und Park Benrath, Gabriele Uerscheln. So ist im Gartenkunstmuseum des Benrather Schlosses ein Raum Jacobi gewidmet, und Langs Doktorarbeit wurde in die Reihe der „Benrather Schriften“ aufgenommen, die zu einer Bibliothek zur Schlossarchitektur des 18. Jahrhunderts und zur europäischen Gartenkunst anwachsen soll.

Gundula Lang: Bürgerliche Privatgärten, 220 Seiten, 39 Euro. ISBN-10: 3-88462-253-6.

Benrather Schriften
Band 1: Schloss Benrath – eine Vision wird Wirklichkeit, erschienen 2006 anlässlich des 250-jährigen Baubeginns von Schloss Benrath.
Band 2: Kerstin Walter, Das Pittoreske – die Theorie des englischen Landschaftsgartens als Baustein der gegenwärtigen Kunst, erschienen im Frühjahr 2007.
Band 3: Gundula Lang, Bürgerliche Privatgärten in deutschen Landen um 1800, erschienen im Juli 2007.
Band 4: Der große Pan ist tot! Katalogbuch zur Ausstellung (ab 25. August). Alle Bände werden von der Wernerschen Verlagsgesellschaft herausgegeben.

 

Bild Everts

Gundula Lang schrieb eine Doktorarbeit über „Bürgerliche Privatgärten um 1800“. Darin behandelte sie auch den Jacobi-Garten. (Foto: Everts)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 

 
     
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