Bürgerliche Privatgärten in deutschen Landen um 1800
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Bürgerliche Privatgärten um 1800 – Abbild der Natur?

Titel Dissertation

»Ceci n’est pas une pipe.« schreibt René Magritte unter seine realistische, detailgetreue Darstellung einer Tabakpfeife. Der bildimmanente Schriftzug negiert also den auf visueller Ebene offensichtlichen Bildinhalt. Entgegen der Konvention, mit der Bildunterschrift sprachlich auszudrücken, was im Bild dargestellt ist, vollzieht Magritte mit dem »n’est pas« seiner Bildunterschrift dessen Negation und erreicht damit zunächst die Verwirrung des Betrachters. Wenn auch in freiem, undefiniertem Raum schwebend und nicht in Gebrauch, erkennt dieser doch sogleich und ohne jeglichen Zweifel, dass es sich um eine Tabakpfeife handelt, dass dies eine Pfeife ist. Magritte stellt gleichzeitig die Relation zwischen Sprache und Darstellung sowie Darstellung und Realität in Frage.
Das sprachliche Zeichen zur Beschreibung von Dingen entstand im Geiste des Menschen und nicht aus den Dingen. Es ist unmotiviert, ein arbiträres Zeichen, seine Benutzung beruht auf Konventionen, die ebenso andersartig geprägt sein könnten. Dies ist offensichtlich in den unterschiedlichen Bezeichnungen verschiedener Sprachen. Die Zeichen »pipe« und Pfeife benennen jeweils denselben Gegenstand. Magritte geht nunmehr aber einen Schritt weiter. Ihm zufolge ist nicht nur das sprachliche Zeichen arbiträr, sondern auch das bildhafte Zeichen unmotiviert, im Geiste des Menschen entstanden und nur aufgrund von Konventionen gültig, also willkürlich. Nicht die real existierende Pfeife bestimmt, wie ihr Bild auszusehen hat, sondern der Mensch bestimmt dessen Form und Gestalt. Bei den Formen und Farben auf der Leinwand handelt es sich also laut Magritte nicht um eine Pfeife, sondern um das Bild einer Pfeife, das vom Menschen geprägt wurde und aufgrund dieser Konventionen vom Betrachter als solches erkannt wird. Jegliches Zeichen, ob visuell oder verbal, ist nicht durch das Bezeichnete, sondern durch den Bezeichnenden bestimmt, der sich in einem konventionellen System der Bezeichnung bewegt. Und mit La trahison des images (1929) bricht Magritte mit diesem konventionellen System.
Durch die realistische Darstellung einer Pfeife mit der negierenden Bildunterschrift verdeutlicht Magritte, dass dieses Bild nicht eine real existierende Pfeife ist, sondern lediglich die Ansicht einer Pfeife darstellt. Wie die menschlichen, mittels Statuen hervorgerufenen Schatten an der rückwärtigen Höhlenwand im Höhlengleichnis von Platon zeigen Bilder nicht das Urbild, sondern ein Abbild der Realität.
Die Thematik um das Urbild und dessen Abbild lässt sich in die Gartenkultur übertragen, da mit dem Wandel des Gartenideals vom barocken, geometrischen Stil zum natürlichen, englischen Landschaftsgarten, der sich ab dem frühen 18. Jahrhundert in England entwickelte, die Imitation der Natur grundlegende Bedeutung gewann. Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) breitete sich dieser neue Gartenstil auf dem Festland zuerst in den Anlagen der fürstlichen Oberschicht und wenig später auch in den bürgerlichen Anwesen aus. Diese bürgerlichen Privatgärten sind Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit. Die Frage, ob es sich in diesen Gärten tatsächlich um die Nachahmung der Natur handelt, ob durch die Einflussnahme des englischen Landschaftsgartens auf bürgerliche Anwesen der Zeit um 1800 also wirklich ein Abbild der Natur entstanden ist, bildet den Rahmen dieser Arbeit.
Auf dem Gebiet der gartenkulturellen Forschung liegen einige grundlegende Werke vor, die ihr Hauptaugenmerk jedoch auf die repräsentativen, meist adeligen Anlagen legen. Die kleineren bürgerlichen, meist zu privaten Zwecken angelegten Pendants bleiben fast gänzlich unbeachtet. Die m.W. bislang einzige umfassende, zu dieser Thematik vorgelegte Arbeit ist Das irdische Paradies. Bürgerliche Gartenkunst der Goethezeit von Andrea van Dülmen. Sie behandelt eine Fülle von Gartenanwesen und erlaubt so einen Einblick in die Motivation zur Gartenanlage, in deren Gestalt, in die dort anfallenden Arbeiten sowie in das Leben im Garten samt der dort stattfindenden Mahlzeiten, Festlichkeiten, Spiele und der dazu getragenen Kleidung. Allerdings ordnet van Dülmen diese bürgerliche Gartenkultur nicht in den Rahmen der gesellschaftspolitischen Umbruchphase des späten 18. Jahrhunderts ein. Ebenso wenig betrachtet sie das bürgerliche Gartenschaffen vor dem Hintergrund einer meist professionell entwickelten, adligen Gartenkultur unter dem Gesichtspunkt des Dilettantismus.
Diese Defizite in der Auseinandersetzung mit bürgerlicher Gartenkultur der Aufklärung und der Romantik stellen eine bemerkenswerte Lücke in der gartenkulturellen Forschung dar. Tatsächlich entstand nämlich um 1800 eine Art Gartenmanie, ablesbar an der vielfältigen Publikation von Zeitschriften und Magazinen, Taschenkalendern, Ratgebern sowie Anleitungen zur Anlage und Pflege eines Gartens mit ästhetischen wie botanischen und pflanzungspraktischen Inhalten. Abgesehen von diesen der Gartenkultur immanenten Aspekten legen auch allgemein-historische Zusammenhänge einen Aufschwung der bürgerlichen Kultur und damit der Entstehung von Gartenanlagen gerade in der Zeit um 1800 nahe – wird doch das gesamte lange 19. Jahrhundert häufig als Zeitalter des Bürgertums bezeichnet. Vielfach strebte das vom Enthusiasmus für das liberale England und von den revolutionären Entwicklungen in Frankreich beeinflusste Bürgertum nach Emanzipation. Es suchte seiner Bildung und Fortschrittlichkeit Ausdruck zu verleihen und bediente sich dabei – ganz im Sinne der Zeit – auch der Gartenkultur.
Deshalb widmet sich die vorliegende Arbeit einer Auswahl bürgerlicher Privatgärten in deutschen Landen um 1800. Auf der Grundlage einer differenzierten Betrachtung ihres Entstehungsprozesses, ihrer äußeren Gestalt, ihrer inneren Bestimmung und der spezifischen gesellschaftspolitischen Situation ihrer bürgerlichen Eigentümer soll die Bedeutung dieses Gartenschaffens im Kontext des gesellschaftlichen Umbruchs um 1800 untersucht und die Anlagen in die Geschichte der Gartenkultur eingeordnet werden. Wodurch zeichnen sich Bürgergärten um 1800 aus? Wie groß ist der Einfluss des englischen Stils? Gibt es typische stilistische oder nutzungsbestimmte Charakteristika? Welches Ausmaß hat die dilettantische Schaffensmethode und wie werden deren Resultate aufgenommen? Sind die Anlagen typisch für das deutsche Bürgertum? Impulsgebend für diese Abhandlung war die Magisterarbeit der Verfasserin und ein darauf basierender Aufsatz, der Gestalt und Funktion der Gartenanlage von Friedrich Heinrich Jacobi – Kaufmann, Literat, Philosoph und Gartendilettant aus dem Freundeskreis von Johann Wolfgang Goethe – behandelt und ihm eine Bedeutung innerhalb der Gartenkunstgeschichte, genährt aus der konkreten Situation des Bauherrn, zugewiesen hat.
Die zeitgenössische Theorie der Gartenkunst, 1779-85 in fünf Bänden von Christian Cay Lorenz Hirschfeld verfasst, avancierte zum Standardwerk über den englischen Gartenstil auf dem Festland und trug maßgeblich zu dessen Verbreitung bei. Hirschfeld unternimmt im vierten Band eine Kategorisierung der verschiedenen Gartenanlagen. Darin unterscheidet er »königliche und fürstliche Gärten; Parks der ersten Größe, oder in einem prächtigen Styl«, »Gärten für Besitzer vom hohen Adel und vom Stande; Parks im edlen Styl«, »Privatgärten; bürgerliche Gärten« und »Landgärten; ländliche Gärten«. Die im fünften Band anschließende Konkretisierung dieser Kategorien hält für die bürgerlichen Privatgärten Aufkommen, Grund für die Errichtung und Empfehlungen zur Anlage fest. Hirschfeld konstatiert dabei, dass vor allem rund um Handelsstädte eine größere Anzahl solcher Gartenanwesen existierte. Reiche Kaufleute legten Gärten an, um ihren Wohlstand zu präsentieren und sich in der freien Natur vom Tagesgeschäft erholen zu können. »So entstanden, nicht weniger aus Bedürfnis als aus Prachtsucht, die meisten Gärten um ansehnliche Handelsstädte, vornehmlich in Holland und in verschiedenen Provinzen von Deutschland.« Für die Lage empfiehlt Hirschfeld ein See-, Fluss- oder Meeresufer und Anhöhen. Das einzige Gesetz, das es zu beachten gelte, sei die Anpassung des Anwesens an die Umgebung. »Alle Verschönerungen müssen nach dem natürlichen Charakter der Gegend sich richten.« Zur weiteren Ausgestaltung sollten eher nützliche als kostbare Pflanzen verwendet werden. Lauben, Büsten von Freunden, Patrioten oder eine Florastatue sind erlaubt, sollten jedoch nur selten vorkommen. Zu verwenden sei viel Grün, viel Schatten, Gebüsche, duftende Gewächse, Bach und Wasserfall, Spazierwege, Sitzplätze und Aussichten. Auch die Symmetrie ist zulässig. Zu vermeiden seien starke Wirkungen, Kontraste und schnelle Übergänge, Wildnisse, Gebirge, Felsen und eine Fülle an Verzierungen. Inwiefern dieser Katalog an Gestaltungsmitteln und die Beweggründe zur Anlage eines bürgerlichen Gartens in der Realität tatsächlich zutrafen, soll in dieser Arbeit thematisiert werden.
Um die Ausgangssituation zu klären, werden zunächst die gartenhistorischen und allgemein-historischen Zusammenhänge skizziert. Die Entstehung einer ästhetischen Naturbetrachtung und die Entwicklung des Bürgergartens in der Gartenkunstgeschichte sowie eine soziologisch-historische Auseinandersetzung mit der Gruppierung des Bürgertums im Kontext der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse zwischen Französischer Revolution und Märzrevolution bilden den Hintergrund. Eine biografische Charakterisierung der Besitzer der ausgewählten Gartenanlagen soll auf dieser Folie ihre Position bestimmen.
Im Anschluss daran werden die Umstände des Entstehungsprozesses der Gartenanlagen betrachtet. Dabei gilt es, das Phänomen der dilettantischen Schaffensmethode, die für die Anlage eines Großteils der Anwesen maßgebend war, in allgemeinen wie individuellen Belangen zu klären. Gerade in der Zeit um 1800 erhielt diese Form des Kunstschaffens eine besondere Beachtung und erfuhr nicht zuletzt durch die Betrachtung von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller in ihrem Aufsatzentwurf »Über den Dilettantismus« (1799) einen Bedeutungswandel. In Frage gestellt wird in diesem Zusammenhang, ob die dort geäußerte Meinung, der Dilettantismus in der Gartenkunst böte lediglich den Nutzen des Spazierengehens und ein »Geselliges Local«, tatsächlich zutrifft. Schließlich wird der Bildungsstand der Gartengestalter auf ästhetischem, gartentheoretischem, natur- und agrarwissenschaftlichem Gebiet beleuchtet. Untersucht wird auch, wie weit sie den englischen Landschaftsgartenstil und die literarische Diskussion darüber zur Kenntnis genommen haben.
Sodann folgt eine detaillierte Darstellung der Gartenanlagen. Fokussierend auf die Hauptcharakteristika des englischen Stils und auf spezielle Erscheinungen und Eigenarten in den Gärten wird deren äußere Gestalt rekonstruiert. Dabei steht die Frage nach dem Ausdruck des Landschaftlichen im Vordergrund, der in der einschlägigen Literatur zur Beschreibung von derartig gestalteten Park- und Gartenanwesen überwiegt. Wie und mit welchen Mitteln wird der Charakter, der als landschaftlich bezeichnet wird, hervorgerufen? Erfüllt diese Gestaltungsweise tatsächlich die Kriterien des Landschaftlichen?
Der Darstellung des Äußeren schließt sich die Analyse des Inneren an. Das bislang gezeichnete Gesamtbild der Anlagen wird auf ihre Bestimmung und Nutzung überprüft. Die Betrachtung der Lebensweise der Eigentümer und ihrer Gäste im Garten, das dortige Geschehen, erlaubt die Behandlung von Inhalten und Zwecken, denen die Anwesen dienten.
Auf der Grundlage der Ergebnisse zum Entstehungsprozess, des Äußeren und des Inneren der Gartenanlagen wird schließlich untersucht, ob und inwiefern das Gartenschaffen des Bürgertums als kultureller Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Situation in der Umbruchzeit um 1800 interpretiert werden kann. Schließlich werden die bürgerlichen Privatgärten des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts in die Geschichte der Gartenkultur eingeordnet. Dabei soll die Frage beantwortet werden, ob das bürgerliche Gartenschaffen als einheitliche und homogene Ausprägung verstanden werden kann, die sich vom englischen Landschaftsgarten, dessen Gestalt und Bedeutung abgrenzt.
Abgesehen von der Zugehörigkeit der Gartenbesitzer zum Bürgertum konkretisierten sich weitere, stil- und zeitspezifische Auswahlkriterien. Aufgabe der Arbeit ist es, das erste Einwirken des englischen Landschaftsgartens auf das bürgerliche Gartenschaffen zu untersuchen, sodass nach möglichst früh entstandenen Beispielen recherchiert wurde. Da sich der englische Stil im Laufe des 19. Jahrhunderts auch unter bürgerlichen Landbesitzern stark verbreitete, kamen ausschließlich Anlagen in Betracht, deren Umgestaltung oder Neuerrichtung bereits vor der Jahrhundertwende ihren Anfang nahm. In der Zeit der Regeneration von den Wirren des Siebenjährigen Kriegs war es nur einigen wenigen, privilegierten Bürgern vorbehalten, zum einen das moderne Gedankengut aus England zu rezipieren und zum anderen die finanziellen Mittel zur Anlage eines Gartens zur Verfügung zu haben. Daher ergab sich eine intellektuell, ideell und finanziell herausragende Klientel. In Betracht kamen wohlhabende Kaufleute, gut situierte Beamte und die geistige Elite der Zeit. Für diesen Zusammenhang relevante Anlagen existierten daher vornehmlich in den freien Reichsstädten und in den Handelsstädten der nördlichen deutschen Lande, zumal der katholische Süden Deutschlands im Wesentlichen bis zur Säkularisation 1803 unter starkem Einfluss der Klöster und ihrer Besitztümer war und sich bürgerliches Gartenschaffen weitgehend erst später ausbildete. Literarischen und philosophischen Weitblick konnten außerdem vor allem Bürger der klassischen geistigen Zentren in Mitteldeutschland für sich in Anspruch nehmen. So existierten Anlagen mit solchem Hintergrund in Halle/Saale wie in Jena und Weimar. Da die in Betracht genommenen Anlagen heute, wenn überhaupt, nur noch in stark überformter Gestalt erhalten sind, war die Existenz und Erreichbarkeit von Quellen von besonderer Bedeutung. Die Kartografie privater Grundstücke war für staatliche Auftraggeber in der Regel unerheblich, weshalb die Binnenstruktur der Anlagen auf Stadtplänen etc. meist nur ungenau wiedergegeben wurde. Außerdem waren solche Pläne oftmals zu großmaßstäblich. Privat ausgeführtes Planmaterial oder die Beauftragung eines professionellen Planzeichners von privater Hand waren selten. Daher war es zur Beurteilung der Gartenanlagen unabdingbar, dass ausreichend schriftliches Quellenmaterial in Form von Tagebüchern, Briefen sowie Reise- und Lebensbeschreibungen wie auch Zeichnungen der Anlagen vorhanden waren. Derartige Quellen, vor allem Lebensbeschreibungen und Briefwechsel, sind zum Teil bereits ediert. In anderen Fällen waren in den jeweiligen Staatsarchiven und Museen die Nachlässe der Personen und Familien sowie Abbildungen ihrer Anwesen aufzufinden. Außerdem existiert Sekundärliteratur, die sich Epochen übergreifend der Gartenkultur einzelner Städte oder Regionen widmet und vor allem für einen Überblick über die noch vorhandenen Gartenanlagen dienlich ist oder einen einzelnen Aspekt einer Gartenanlage behandelt. Als ergiebig erwiesen sich vor allem die Städte Hamburg und Bremen. Das Elbufer bei Altona war mehrfach Gegenstand planzeichnerischer Aufnahmen, und die Umgebung der Stadt Bremen ist bereits im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts nach trigonometrischer Methode kartografiert worden. Dies führte zur Auswahl von sechs Gartenanlagen, deren faktische Grundlagen im Einklang mit einem biografisch-soziokulturellen Porträt der Eigner im nun folgenden Abschnitt dargestellt werden.

*Abbildung: René Magritte: La trahison des images, Los Angeles County Museum of Art, 1929. Aus: René Magritte. Die Kunst der Konversation, Ausstellungskatalog, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf, 23.11.1996-2.3.1997, München/New York 1996, S. 66.


 
     
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